Montag, 24. Oktober 2016

Mulchmäher



Mulchmäher – mit öffentlichem Geld und Technik gegen Artenvielfalt
Dr. Friedrich Buer
 16. Oktober 2016





„Mulchen“ klingt harmlos und soll es wohl auch. Tatsächlich wird dabei alles frikassiert, was nicht fliehen kann und was die „Ordnung“ stört. Unzählige Kleintiere, Eidechsen, Vogelnester, Junghasen, Blumen in voller Blüte, Gebüsch mit Vogelnestern, junge Bäume, Plastiktüten, Dosen, Flaschen, ja selbst Grenzsteine und Betonröhren müssen dran glauben. Nur vordergründig geht es um „Grünpflege“. In Wahrheit wird ein unsinniger Putz- und Ordnungstrieb befriedigt. Finanziert wird dieser Angriff auf die Artenvielfalt meist mit öffentlichem Geld. Er ist deshalb auch ein Fall für die Rechnungshöfe und ein Signal für das Versagen des Naturschutzes in Deutschland.


Mit öffentlichem Geld gegen die Artenvielfalt


Betroffen sind Straßen- und Wegränder, die Deutschland als Verbund von Saumbiotopen wie ein riesiges Netz überziehen. Allein Autobahnen, Bundes-, Land- und Kreisstraßen sind 230.000 km lang. Auch Gemeindestraßen, Feldwege und sogar Waldwege werden gemulcht. Da Straßen und Wege zwei Ränder haben, addiert sich die Länge aller Straßen- und Wegränder auf mindesten eine Millionen Kilometer. Das ist ein Band, das fünfundzwanzigmal um die Erde passt! Selbst wenn davon nur die Hälfte gemulcht wird, sind das 1.500 Quadratkilometer, was zwei Dritteln der Fläche des Saarlandes entspricht. Inzwischen werden sogar Wiesen und Bachufer, vereinzelt auch Flussufer gemulcht.




Zerstörter Wasserdurchlass unter einem Waldweg im bayerischen Staatsforst


Gemulcht wird das ganze Jahr über, auch wenn im Sommer alles blüht. Mit den Pflanzen wird die Basis lebenswichtiger Nahrungsketten zerstört, die mit den Pflanzen beginnen und über Kleintiere zu Amphibien, Reptilien, Kleinsäugern und Vögeln führen. Außerdem wirkt das Mulchmaterial wie Dünger, was Arten verdrängt, die nährstoffarme Böden brauchen und gerade die sind besonders gefährdet. Regenwasser fließt auf den glatt rasierten Flächen schneller ab. Das beeinträchtigt die Grundwasserbildung und verschärft bei Starkregen die Hochwassergefahr. 


Wir fordern das Mulchen von Straßen- und Wegrändern und anderen Flächen zu beenden. Wir sind für technischen Fortschritt. Doch wenn er den Artenschutz beschleunigt, dann ist der Fortschritt ein Rückschritt. Es gibt bewährte Pflegetechniken, die den Bewuchs sauber abschneiden und Tieren eine Chance lassen. Gemäht werden sollte im Spätherbst oder Winter und im Sommer nur, wenn es die Verkehrssicherheit erfordert. Die Ränder von Waldwegen müssen, wenn überhaupt, nicht jedes Jahr gemäht werden.



 

Der Mulchmäher lässt Kleintieren keine Chance. Besser ist ein sauberer Schnitt wie mit dem Balkenmäher.
 Beide Heuproben wiegen jeweils 40 Gramm.


Mulchmäher sind ein Beispiel dafür, wie Technik missbraucht werden kann und die Folgen unterschätzt werden. Sie mähen nicht nur, sondern häckseln und zerquetschen das Mähgut. Deshalb kann es liegenbleiben und da kompostieren, wo es gewachsen ist. So bewegen sich seine Nährstoffe im Kreislauf und Kosten werden gespart. Vor allem aber, nach dem Mulchen sieht alles „sauber und ordentlich“ aus. Wirklich ein Fortschritt?





         Raupe des Schwalbenschwanzes  
                                        




Schwalbenschwanz, frisch geschlüpft



Direkt vor dem Mulchmäher im ersten Bild stehen weiß blühende wilde Möhren. Sie sind Futterpflanzen für die Raupen des Schwalbenschwanzes, an der auch seine Puppen hängen können. Beide sind bestens getarnt. Doch der Mulchmäher frikassiert sie. Er häckselt alles, was in sein Schneidwerk gerät, egal ob Dosen, Flaschen Plastiktüten oder Kleintiere. Er macht alles „sauber und ordentlich“, doch der Artenvielfalt bringt er Tod und Verderben.



 
  Grüne Kugelspinne in Brennnessel.  Spinnen sind die wichtigsten Gegenspieler der Insekten.             


                    

                Helicellaschnecke im Trockenschlaf, Mulchmäher sind für Kleintiere tödlich.


Es sind vor allem Spinnen und Insekten sowie ihre Entwicklungsstadien, die gehäckselt werden. Meist sind sie klein und unscheinbar. Trotzdem stellen sie den Löwenanteil der Artenvielfalt unter den Tieren in Deutschland. Neben den Pflanzen sind sie die unverzichtbaren Glieder vieler Nahrungsketten, ohne die größere Tiere, wie zum Beispiel viele Vogelarten, nicht überleben können. Doch der Mulchmäher frikassiert auch Schnecken, Frösche, Eidechsen, Blindschleichen, Vogelnester und Junghasen. Er hinterlässt eine Spur des Todes. Selbst streng geschützte Orchideen werden vernichtet.



Diese Epipactis – Orchidee wächst gern an Waldwegen. Werden sie im Winterhalbjahr freigeschnitten, ist das harmlos, im Sommer ein Todesurteil.
 




 Der einzelne Fruchtstand des Aronstabs mit roten Beeren überlebte, weil ihn der Mulchmäher nicht erreichte. Die gehäckselten sieht man nicht.
 


                   Wer überlebt dieses Frikassee? Das gelbe Labkraut und der bunte Wachtelweizen blieben durch Zufall verschont. Auch unseren Honigbienen und Hummeln und den anderen Wildbienen werden die Nektar- und Pollenquellen weggehäckselt. 

  

Fatal ist das Mulchen für Bodenbrüter. Wo sollen die Lerchen noch brüten, wenn nicht an den Wegrändern? Sogar Weiherränder, Bachränder und vereinzelt Flussränder werden gemulcht.
            

                                        Fortsetzung   2. Teil   (s. Ältere Posts)

Dr. Friedrich Buer






Dr. Friedrich Buer ist Gründungsmitglied und Beirat des „Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern e.V. – VLAB“, einem neuen offiziell anerkannten Natur- und Umweltschutzverband. Ehrenpräsidenten sind Enoch zu Guttenberg und Hubert Weinzierl.

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